Burgen und Schlösser in
Süddeutschland

 Burgen und Schlösser!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die "Pechnase"- Gußerker, Auswurferker, Schießscharte?

Ob die Vermutung (siehe Literatur: Dr. J. Zeune), daß die als "Pechnase" bezeichnete Öffnung über Burgtoren nicht als Ausguß, sondern als Auswurföffnung verwendet wurde stimmt, könnte man eventuell über Versuche der Experimentellen Archäologie beweisen. Sofern die Möglichkeit besteht, aus einer derartigen Öffnung das Areal vor dem Tor zu sehen und aus dieser Öffnung auch zu schießen, wären die Voraussetzungen zumindest geschaffen.
Aber selbst wenn sich beweisen läßt, daß die Funktion als Gußerker nicht nutzbar war, Ausnahmen hätte es dann sicher gegeben. Z.B. befindet sich über dem Hocheingang des mittelalterlichen Wartturmes auf dem Heuchelberg bei Heilbronn eine Öffnung, aus der eine Steinrinne aus Sandstein führt. Ein Auswurf oder Beschuß aus dieser Öffnung wäre unmöglich gewesen.
Noch gewagter wäre zu behaupten diese Öffnung war nur symbolisches Zierat, als Ausgußöffnung gebaut aber niemals verwendet und in vielen Anlagen als "Standard" eingebaut? Vielleicht fragen sich die Archäologen der Zukunft auch, warum wir auf unsere Häuser überall Blitzableiter bauten, obwohl Experten heute meinen, diese Blitzableiter wären nur in exponierter Lage notwendig- auch sie sind oft "Standard" obwohl sie oft unnötig sind....

Um über den Sinn der "Pechnasen" nachzudenken sollten wir uns mit Hilfe von modernen Mitteln der Arbeitsvorbereitung mit Hilfe folgender von uns zusammengestellten Vorgangsliste ins Mittelalter versetzen:

Bilden Sie sich selbst eine Meinung!

1. Voraussetzung/Aufgabenstellung
Stellen Sie sich vor Sie müßten zu Dritt in einem Torhaus einer mittelgroßen Burganlage mit zwei weiteren Personen das Tor verteidigen. Das Torhaus hat 3 Meter über dem Tor einen Raum mit einer "Pechnase" und ist zum Feind hin durch eine Mauer und über Ihnen durch ein Dach geschützt. Zum Torhaus führt eine Wendeltreppe in einem seitlichen Turm (Vergleiche die Toranlage der Burg Guttenberg im Unterland). Ihnen steht ein 50 Liter fassender Metalltopf , Holz und eine Flüssigkeit (siehe unten Punkt 2) in mehreren Eimern zur Verfügung. Das hölzerne Tor wird durch keine Vorwerke, Barbakane oder Zugbrücke geschützt.

Versuchen Sie die folgenden Probleme zu lösen

2. Verwendete Flüssigkeit
2.1 Welche Flüssigkeit würden Sie verwenden? Pech,Öl bzw. Fett oder Wasser? Gegenüber Wasser nehmen mineralische, pflanzliche oder tierische Öle/Fette wesentlich mehr thermische Energie auf, d.h. sie werden heißer, die Wirkung der Verbrühung ist also wesentlich verheerender. Ebenso heilen Wunden sicherlich schlechter aus wie bei reinem, gekochtem Wasser. Diese Substanzen wären also wirksamer wie Wasser.  
2.2 Aber woher erhalten Sie 50 Liter Öl oder Fett.? Mineralische Öle und Fette waren sicher selten und mußten mühevoll aus anderen Regionen importiert werden. Diese Stoffe wären doch viel zu kostbar um sie "aus dem Fenster zu kippen"? Pflanzliche Öle und Fette mußten erst hergestellt werden und waren energiereiche Nahrungsmittel. Würden Sie während einer langen Belagerung diese wichtigen Nahrungsmittel verschwenden? Wieviel Fleisch oder Pflanzen benötigen Sie um 50 Liter Fett herzustellen?  
2.3 Müßten sich nicht ausgegossene Peche im Sandstein von diesen Öffnungen festgesetzt haben, kennen Sie eine Anlage wo diese Spuren nachgewiesen wurden?  
2.4 Wenn Sie Wasser bevorzugen: Hatte Ihre Anlage einen Brunnen, wenn nein, wo speichern Sie Wasser? In einer Zisterne? Können Sie sich leisten eventuell hunderte Liter Trinkwasser während einer Belagerung zu vergeuden?  

Haben Sie das Problem aus 2 lösen können ? Dann weiter zu 3:

3 Transport
3.1 Wie transportieren Sie das Wasser vom Brunnen/der Zisterne zum Torhaus? In Eimern? Wie lange ist der Weg?  

Haben Sie das Problem aus 3 lösen können ? Dann weiter zu 4:

4 Erhitzung
4.1 Wie und wo erhitzen Sie die Flüssigkeit?  
4.2 Wo machen Sie das Feuer? Auf dem schmalen Wehrgang im Torhaus? Oder ist Ihr Torhaus sehr geräumig? Besteht Feuergefahr am Dach über Ihnen, haben Sie eine offene Feuerstelle oder eine Art Ofen, ist dieser heute noch nachweisbar?  
4.3 Oder "köcheln" Sie unten im Hof und bringen die Flüssigkeit in Eimern nach oben? Sind Sie dann schnell genug am Gußerker, wenn Sie die heiße Flüssigkeit brauchen?  
4.4 Da Sie nicht wissen wann ein Angriff erfolgt, müßten Sie die Flüssigkeit immer am kochen halten, haben Sie für mehre Tage trockenes Holz, wieviel werden Sie benötigen, wo lagern Sie das Holz?  

 

 

 

Haben Sie das Problem aus 4 lösen können ? Dann weiter zu 5:

5 Wirkung
5.1 Wieviel Liter werden Sie für einen Guß benötigen? Sicher mindestens 10- 20 Liter. Beachten Sie die Streuwirkung aus 3 Metern Höhe.  
5.2 Der Feind kennt Ihre Absicht und wird sich schützen. Vielleicht wird er hölzerne Schilde oder Konstruktionen über sich tragen um an das Tor zu kommen, die Aggressoren sind vielleicht durch Rüstungen aus Metall und/oder Leder geschützt?  
5.3 Reicht die thermische Energie Ihrer Flüssigkeit aus um physischen oder auch nur psychischen Schaden anzurichten? Oder verteilt sich die Flüssigkeit zu stark bzw. kühlt zu stark ab?  

Wenn Sie auch dieses letzte organisatorische Problem gelöst haben, könnten Sie die Öffnung über Ihrem Tor getrost als "Gußerker" und nicht als "Auswurferker" oder "Schießscharte" verwenden.....

(c) 2000 by Buchali

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